Am 23.09.2019 veröffentlichte der britische Guardian unter der Überschrift „The deadly truth about a world built for men – from stab vests to car crashes“ redaktionell bearbeitete Auszüge aus dem Buch Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Designed for Men[i] von Caroline Criado Perez. Der Artikel beschreibt die gender data gap in Übersetzung so: „Bis zurück in die Männer-als-Jäger-Zeit wurden männliche Lebensläufe als für alle Menschen repräsentativ angesehen. Wenn es um die andere Hälfte der Menschheit geht, gibt es häufig nichts als Schweigen. Und dieses Schweigen ist überall. Im Film, in den Nachrichten, in der Literatur, in der Wissenschaft, in der Stadtplanung, in der Wirtschaft; die Geschichten, die wir uns selbst über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen sind alle durch eine weiblich geformte ‚Präsenz der Abwesenheit‘ markiert“. Und es folgen viele Beispiele, hier eine Auswahl:

Bei der Festlegung der Standardtemperatur für Büros wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts wie selbstverständlich von der Fettverbrennung des männlichen Körpers ausgegangen. Dieser Wert liegt für Frauen aber deutlich niedriger, deshalb ist das typische Büro für Frauen also gerade keine Komfortzone.

In der Arbeitswelt hat die Nichtberücksichtigung der Frauen noch deutlich ernstere Folgen. Während beispielsweise die Bedingungen, die bei Bergarbeitern zur Staublunge führen gut erforscht sind, bleiben die physischen und chemischen Faktoren an typisch weiblichen Arbeitsplätzen wissenschaftlich weitgehend unerforscht.

Krebserkrankungen haben vielfach eine lange Latenzzeit. D.h. zwischen der Aufnahme eines Stoffes und der Manifestation der Erkrankung liegen häufig Jahre und Jahrzehnte. Dabei wird in der Forschung oft von einem männlichen Standardkörper ausgegangen: weiß („Caucasian“), 70 kg schwer und zwischen 25 und 30 Jahre alt. Selbst wenn es hier zu einer grundlegenden Änderung käme und ein weiblicher Standardkörper definiert würde, lägen wegen der Latenzzeit erst in 25 Jahren verlässliche Daten vor.

Frauen und Männer unterscheiden sich hinsichtlich ihres Hormonhaushalts und ihres Immunsystems, was sich wiederum auf die Aufnahme chemischer Stoffe auswirkt. Frauen sind im Schnitt kleiner und besitzen eine dünnere Haut, andererseits haben Sie einen höheren Körperfettanteil. Wahrscheinlich gehen damit geringere Toleranzwerte für Gefahrstoffe einher, die aber zugleich länger im Körper gehalten werden.

In Nagelstudios, deren Belegschaft fast ausschließlich weiblich ist, sind die Mitarbeiterinnen einer Vielzahl chemischer Substanzen ausgesetzt: Polituren, Entferner, Gele, Desinfektionsmittel und Klebstoffe. Manche dieser Substanzen werden mit Krebs, Fehlgeburten und Lungenkrankheiten in Verbindung gebracht. Zu den gesundheitlichen Risiken an diesen Arbeitsplätzen liegen aber kaum gesicherte Daten vor.

Frauen werden auch von der künstlichen Intelligenz diskriminiert. So nennt der Artikel Beispiele, in denen Spracherkennungssysteme in Autos weibliche Stimmen erst erkannten, wenn diese tiefer abgesenkt wurden. Siri von Apple konnte Hilfe anbieten für Herzattacken, verstand aber im Englischen nicht die Aussage „Ich wurde vergewaltigt“. Manche Fitnesstracker zeichneten alles Mögliche auf: Von der Zahl der Schritte über den Blutdruck bis zur Aufnahme von Molybdän und Kupfer, besaßen aber keinen Periodenkalender.

Ein letztes und besonders eindrückliches Beispiel betrifft die Sicherheit im Auto. Crash-test dummies wurden in den 1950er Jahren nach dem Vorbild des Durchschnittmannes entwickelt: 1,77 m Körperlänge und 76 kg Körpergewicht. Auch bei der Verteilung der Muskelmasse und der Modellierung des Rückgrats wurde von Männern ausgegangen.

In den USA wurden „weibliche“ Dummies erst 2011 eingeführt, die EU liegt noch weiter zurück. In einer 2018 vorgetragenen Studie zu EU Vorschriften zu Crash-tests wurde festgestellt, dass in keinem Fall anthropometrisch korrekte „weibliche“ Dummies vorgeschrieben wurden. Mit Blick auf schwangere Frauen ist die Datenlage sogar noch düsterer, weder in den Vereinigten Staaten noch in der Europäischen Union sind Tests mit „schwangeren“ Dummies zwingend vorgeschrieben.

Der Guardian schließt mit der Feststellung: „Designer mögen der Ansicht sein sie würden ihre Produkte für alle gestalten, aber in der Wirklichkeit arbeiten sie für Männer. Es ist an der Zeit Frauen beim Design zu berücksichtigen.“

[i] Chatto & Windus 2019